Die komische Scheibe
Seit hundert Jahren untersuchen Wissenschaftler eine seltsame Urschrift der Kreter. Der Diskos von Phaistos, auf dem die Zeichen stehen, bleibt eines der größten Rätsel der Menschheitsgeschichte.
Drei Geheimnisse lasten auf der ersten Hochkultur Europas, die während der Bronzezeit auf Kreta blühte. Das eine betrifft ihr rasches Ende etwa um 1650 v. Chr. Forscher wissen, dass nach dem Ausbruch des Vulkans auf Santorin (damals Thera) eine vernichtende Flutwelle auf die Insel zuraste. Der Auftakt zum Untergang?
Das dritte Rätsel führt ebenfalls in einen Irrgarten. Dargestellt ist er auf einer 16 Zentimeter großen Scheibe, die beidseitig mit insgesamt 242 Zeichen übersät ist: Männerköpfe mit Irokesenschnitt sind darauf zu sehen, Vögel, Äxte, Rosetten, Fische, Zickzacklinien. Gemeint ist der Diskos von Phaistos.

Comic aus Stempeln: Wie ein kindliches Sammelsurium von Symbolen sehen die archaischen Schriftzeichen auf der Tonscheibe von Phaistos aus - Forscher sind sich nicht einmal einig, in welcher Richtung die Hieroglyphen zu lesen sind
Physiker und Astronomen, Linguisten und Feierabendforscher haben sich an der Schrift versucht. Der Teller wurde als Kalender und als "Dokument aus Atlantis", gedeutet, als Spielbrett, Amulett und Bauernalmanach. Noch heute wird das Museum von Iraklion, wo das Artefakt unter Glas liegt, körbeweise mit Entschlüsselungsvorschlägen beliefert.
Doch die Scheibe gibt ihre Botschaft nicht preis. Niemand vermochte bislang das Rebus zu lösen, über das der Mitentzifferer der griechischen Linear-B-Schrift, John Chadwick, stöhnte: "Der Diskos hängt mir wie ein Mühlstein am Hals."
Besonders seltsam: Die Symbole sind nicht in den Ton geritzt, sondern gestempelt. Der Diskos folge streng dem "typografischen Prinzip", erklärt der Regensburger Sprachwissenschaftler Herbert Brekle - und das 3000 Jahre vor Johannes Gutenberg. Es ist das mit Abstand älteste Druckwerk der Welt.
Rückblick: Es war ein warmer Sommerabend im Jahr 1908, als der Italiener Luigi Pernier das Unikum erstmals in die Hände bekam. Vorsichtig wischte der Ausgräber den Staub ab. In seinem Bericht vermerkte er einen Fund von "außergewöhnlicher Wichtigkeit".
Auf Kreta war seit Ende des 19. Jahrhunderts ein spannender Wettlauf im Gange. Altertumsexperten aus ganz Europa legten auf der Mittelmeerinsel wie im Rausch eine unbekannte Zivilisation frei. Der Entdecker von Knossos, Arthur Evans, benannte sie nach dem sagenhaften König Minos die "minoische Kultur".
Riesige Abraumhalden wurden damals aufgetürmt. Alte Fotos zeigen, wie die angeheuerten Hilfsarbeiter mit Spaten und klobigen Holzkarren um die Wette gruben. Bekleidet mit Fez und weißen Pluderhosen drangen sie in Ruinen vor, an deren Wänden Blumen und farbige Delphine prangten.
Bald stellte sich heraus: Auf Kreta, dem "Land im dunkelwogenden Meer" (Homer) lebte um 2000 v. Chr. eine glanzvolle Seefahrermacht, deren Schiffe bis nach Ägypten und in den Orient segelten. Das griechische Festland war vielleicht tributpflichtig und musste an die überlegenen Insulaner womöglich Frauen ausliefern. Die Geschichte vom Jungfrauen verschlingenden Minotaurus - hier könnte sie ihren Ausgang genommen haben.
Auch die Paläste der Minoer passen ins Bild, sie glichen Labyrinthen. Neben den Adelsgemächern erstreckten sich zahllose Vorratskammern und Magazine. Es waren gewaltige Warenspeicher auch für den Export. Straußeneischalen und Elfenbein beweisen, dass der Handel bis nach Schwarzafrika lief.
Motive wie Krieg und Soldatentum sind auf den minoischen Wandmalereien kaum zu finden. Dargestellt wurden etwa Blüten oder Akrobaten, die anmutig über Stiere springen. Die Priesterinnen liefen barbusig umher, einige trugen auf dem Haupt Mohnkapseln - der Rohstoff zur Opiumgewinnung. Forscher erschien die Insel wie ein "verlorenes Paradies".
Pernier grub damals an der Südküste, hoch oben auf einem karstigen Felssporn, im verfallenen Palast von Phaistos. Das Bauwerk erstreckte sich auf einer Fläche von fast zwei Fußballfeldern.
"Diese Inschrift kann nicht entziffert werden."
Am Abend des 3. Juli, die Arbeiter wollten gerade die Schubkarren beiseitestellen, kam in der Nordostecke ein rundes Stück Terrakotta zutage. Dem Grabungsbericht zufolge lag es in Kammer 8 des Hauses 101 inmitten einer "Schicht aus dunkler Erde, gemischt mit Asche, Kohle und Keramikfragmenten".
45 verschiedene Zeichen sind auf der Tonscheibe zu sehen, sie stellen wahrscheinlich Silben dar. Die Schrift zieht sich vom Außenrand spiralförmig nach innen. Durch Trennlinien sind 61 Symbolgruppen abgeteilt. Nur: Was bedeuten sie?
Arthur Evans wagte als einer der Ersten einen Vorschlag. Er deutete die Krakel als "Hymne an die Göttin der Erde" in einem ionischem Dialekt. Damit trat er eine nicht enden wollende Debatte los. Einer der frechsten Vorschläge stammt vom holländischen Romanautor Harry Mulisch. Der behauptet, auf der Scheibe stünden die Worte: "Diese Inschrift kann nicht entziffert werden."
Die Archäologen ließen sich von derlei Spott nicht entmutigen. Fieberhaft suchten sie Kreta nach weiteren Zeugnissen der Rätselschrift ab. Gefunden haben sie nichts.
Wurde der Diskos also vielleicht aus dem Orient mitgebracht? Schon 1914 kam die Idee auf, er sei ein "ägyptisches Dokument". Andere vermuteten seine Heimat in Libyen, Kleinasien oder Israel. Vertreter der Präastronautik sehen seinen Ursprung gar im Weltall. Eine der Glyphen würde die "Wasserung oder Landung einer Raumkapsel" darstellen.
Auch der Fälschungsverdacht kam auf. Richtig ist, dass Pernier im Moment der Entdeckung des Terrakottafundes nicht zugegen war.
Genaue Prüfungen ergaben jedoch, dass der Stempler an dem bereits fertigen Text mehrere Korrekturen ausführte. Er veränderte im Nachhinein Trennstriche und fügte zwei Zeichen hinzu, die er aus Platzmangel stark zusammenquetschen musste. So geht kein Betrüger vor.
Angesichts all dieser Merkwürdigkeiten macht die Gilde der Uni-Professoren am liebsten einen Bogen um den Fund. Sie fürchten um ihren Ruf. Ein US-Gelehrter verglich den Diskos mit einen "Totenkopf auf einer Flasche mit Gift".
Doch es bleiben genug mutige Silbenstecher übrig. Der neuseeländische Linguist Steven Roger Fischer beispielsweise enttarnte den Text als Aufruf zu einem Feldzug nach Anatolien. "Hört mich, Kreter und Griechen: Meine Großen, meine Schnellen! Hört mich", übersetze er flott, "Hellas steht eine Schlacht mit den Karern bevor." Später gab er allerdings zu: "Vielleicht habe ich mir unbewusst diese 'minoischen' Namen nur ausgedacht."
Süffiger liest sich die Deutung des Norwegers Kjell Aartun, der den Diskos für eine erotische Anweisung hält: "Sei tief hineindringend, Lüsterner! Bewege dich tief hinein, Fisch in deinen Mund!"
Der Tübinger Mittelhochdeutschexperte Derk Ohleroth grübelte 16 Jahre lang über dem Stück. Doch auch seiner Übersetzung ("Im Kreis um den Opferrauch schlag ein auf die Erde, und wiehere jählings wie ein Pferde-Paar: Aio ae! hyauax!" ) wurde die fachliche Anerkennung bislang verweigert.
So kobolzen sie denn munter weiter, die selbsternannten Code-Knacker und Ausdeuter des minoischen Mystery-Manifests. Jedes Jahr kommen Dutzende neue Dechiffrierversuche hinzu.
Doch gerade wegen dieser Flut dürfte die Auflösung die bronzezeitlichen Botschaft in immer größere Ferne rücken. Der Forscher Chadwick drückte es so aus: "Selbst wenn König Minos jemandem die wahre Bedeutung im Traum offenbaren würde, wäre es unmöglich, andere von deren Richtigkeit zu überzeugen."
Von Matthias Schulz




